Startseite > Literaturkritiken > Belletristik > Tuya Salina: Das Vermächtnis des Heilers
Ich habe lange gebraucht, um Zugang zu diesem 234 Seiten langen Roman, dem man durchaus den Namen Die Geschichte der Emma geben könnte, zu finden; ich klappte ziemlich enttäuscht nach ca. 50 Seiten das Buch wieder zu! Irgendetwas an dieser Geschichte ließ mich aber dann doch nicht los, und ich begann einen erneuten Versuch: ich kämpfte mich ein zweites Mal durch die ersten, doch sehr mäßigen, sich dahin schleppenden Kapitel, die weder spannend noch wirklich informativ sind. Doch plötzlich setzte es aber ein, das Gefühl weiter lesen zu müssen, konnte mich dem - lies mich - nicht mehr entziehen und wollte schließlich unbedingt wissen, wie es mit der Welt des sich Erinnerns weiter geht. Schließlich zog es mich förmlich in die Geschichte hinein, in eine Geschichte mit vielen Hauptfiguren, Klatschtanten und Alkoholikern, Glucken und vielen anderen mehr, die allesamt ihr Päckchen zu tragen haben. Eine Story, ohne perfekte Menschen, ein Roman ohne Helden.
Emma, die eigentliche Hauptfigur der Erzählung bekommt erst im letzten Drittel ihre Protagonisten-Rolle zugeschrieben, irgendwie dreht sich aber schon von Anfang an alles um sie - man merkt und weiß es nur nicht!
Emma, hat ganz besondere Fähigkeiten: Sie kann Stimmen hören und in Menschen „hinein schauen“. Aufgrund ihres Aussehens macht sie aber keinen Gebrauch davon; die Menschen schrecken sich vor ihrem entstellten Gesicht! Sie unternimmt schließlich eine Reise ins Zürcher Oberland. Sie besucht ihren Patenonkel, der sie „gerufen“ hat; dieser, ein Friseur, Heiler und Schwarzmagier liegt im Sterben. Dieser frisierende Heiler betörte einst mit Handauflegen und Haare waschen seine überwiegend weibliche Kundschaft. Die Reise mit dem Zug führt über verschiedene Stationen hinweg in die grausame aber höchst interessante Vergangenheit der Protagonistin. Dabei kommt Emma einem düsteren Geheimnis auf die Spur.
Um den mäßig vorhandenen Spannungsbogen und dem zumindest anfangs ungewohnten, eigenwilligen Schreibstil konstruiert Tuya Salina eine Zugfahrt ins Zürcher Oberland und, da diese Geschichte autobiographischer Natur ist, in die eigene Vergangenheit. Außergewöhnlich, da eher bei historischen Romanen zu finden, sind zudem die äußerst ausführlichen und teils fast minutiösen Beschreibungen verschiedenster Situationen oder Tätigkeiten; die Autorin lässt zeitweise auch keine noch so kleine Winzigkeit aus und ihr scheinen jegliche Arten von Übertreibungen oder Überzeichnungen fremd zu sein.
Eine bessere Bewertung als durchschnittlich ist bei dieser zwischen Entwicklungsroman, Autobiographie und Familiensaga angesiedelten Geschichte aufgrund des wirklich schwachen, langatmigen Beginns leider nicht möglich; die zweite, ausdrucksstarke Hälfte des Plots macht jedoch Hoffnung auf mehr.
Wolfgang Gonsch
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© 2009 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth
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