Als Deutscher, der derzeit in Neapel lebt, stieß ich kürzlich auf diesen sehr interessanten Roman über die Eigenarten des neapolitanischen Lebens. Für diejenigen, die des Italienischen besser mächtig sind und das Buch gegebenenfalls in der Originalsprache lesen wollen: Der Originaltitel lautet "Montedidio", der "Berg Gottes". Der 1950 in Neapel geborene und dort auch noch lebende Autor ist dem linksradikalen Lager zuzuordnen und setzte sich schon früh für die Arbeiterklasse und ihre Probleme ein. Er verzichtete jedoch auf die Teilnahme an öffentlichkeitswirksame Protestbewegungen und "verteidigte" stattdessen das Proletariat schlicht in seiner Funktion als Fabrikarbeiter, Lastwagenfahrer oder auch als Bauarbeiter. Erst mit knapp 40 Jahren wurde er als Autor entdeckt.
Der Roman handelt von einem dreizehnjährigen Jungen, der in den 60er Jahren als Schreinergeselle im Armenviertel von Neapel aufwächst und dessen Leben im Neapel dieser Zeit aus seiner kindlichen Perspektive in wundervoll lebendigen Bildern beschrieben wird. Die Piovetale seines Lebens ist ein "Bumeran"(g), ein Geschenk seines Vaters, um den sich sein jugendliches Leben dreht - die Beobachtung seines ständig wachsenden Körper, die Eltern, die sich ihm durch die Krankheit der Mutter immer mehr entfremden und schließlich die Schreinerwerkstatt mit all seinen "verschrobenen Gestalten". Besonders zu dem jüdischen und buckligen Schuhmacher Don Rafaniello ("Man nennt ihn Rafaniello, weil seine Haare rot und seine Augen grün sind, er ist klein und hat einen spitzten Buckel ganz oben auf dem Rücken. Kaum haben ihn die Leute in Neapel gesehen, haben sie ihm den Namen Ravanello, Radieschen, verpasst. So ist er Don Rafaniello geworden" !?!, S.14.) findet er engen Kontakt, beide von der Reise ins gelobte Land träumend.
Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch nicht nur für Liebhaber Süditaliens, welches insbesondere durch seiner detaillierten Beschreibung der neapolitanischen Lebensart und vor allem seiner Sprache besticht und auch im zweiten Teil, der sich mit der kindlichen Sexualität befasst, nicht an Kraft einbüßt. De Luca geling eine interessante Beschreibung, die dem Zusammenhang von Wörtern und Visionen auf der Spur ist: in der Spucke, im Tomatensugo, im Blut und im Windstoß, der den Buckligen zusammen mit dem Bumerang aufsteigen lässt. Ein Beispiel gefällig? "Italienisch ist eine Sprache ohne Spucke, das Neapolitanische dagegen hat den Mund immer voll Spucke und macht, dass die Wörter gut kleben. Mit Spucke geklebt: Bei einer Schuhsohle geht das nicht, doch für den Dialekt ist das guter Leim."
Der Roman ist eine Hommage auf Neapel und über alles was diese wundervolle Stadt so kennzeichnet - im Positiven wie im Negativen: Den Fußball, das Essen und dabei natürlich die Pizza Margherita, die Touristen, das Meer und dabei insbesondere seine Fischer, natürlich die Liebe aber vor allem der Umgang mit der Sprache, dem Konflikt zwischen italienisch und neapolitanisch machen dieses Buch zu einem netten Lesevergnügen. Dazu noch eine letzte Leseprobe: "Ich höre Rufe und Stimmen auf Neapolitanisch, ich spreche Neapolitanisch, aber ich schreibe auf Italienisch. Wir leben in Italien, sagt Papa, aber wir sind keine Italiener. Um ihre Sprache zu sprechen, müssen wir sie lernen, das ist wie im Ausland, in Amerika, aber ohne hinzufahren. Viele werden niemals Italienisch sprechen und sie werden auf Neapolitanisch sterben.".
Na, Geschmack bekommen?