Adolf Hitler ist die historische Person, über die es die meisten Publikationen überhaupt gibt. So stellt sich bei jeder Neuerscheinung zum Thema Hitler die berechtigte Frage, welche wesentlichen neuen Erkenntnisse der Autor im Rahmen seiner Forschungsarbeit gewonnen hat, die es lohneswert machen, eine neue Biografie zu kaufen und zu lesen.
Rafael Seligmann, Autor des eben neu erschienenen Buches "Hitler. Die Deutschen und Ihr Führer" sieht den Schwerpunkt seines Buches in der Analyse der Faszination, die Hitler auf sein Volk ausübte. Er beschäftigt sich also mit der Frage, was Millionen Menschen dazu bewogen hat, ihrem "geliebten und bewunderten Führer" trotz strategischer und persönlicher Bedenken in den Krieg zu folgen, im Verlaufe des Krieges trotz immer größer werdender Verwüstungen weiter fest an seiner Seite zu stehen und unermüdlich doch noch für den "Endsieg" zu kämpfen und wo die Gründe zu suchen sind, Hitler schließlich fast blind bis ins Verderben zu folgen. Denn erst als der Tod Hitlers bekannt wurde, löste sich die emotionale Bindung zwischen Führer und Geführten. Den Grund dafür sieht Seligmann in der Moderne (siehe vor allem Seite 35 und Seite 53), die sowohl bei Hitler als auch bei seinem Volk Angst verursachte. Dabei war die Angst vor dem Diktator (mangelnde Zivilcourage?), die im Laufe seines Wirkens in Respekt und Bewunderung umschlug, wiederum größer als die Angst vor dem Krieg (Seite 220).
Wie viele seiner Vorgänger geht Seligmann chronologisch vor, um sich dem Phänomen Hitler zu nähern. Schnell wird deutlich, dass Seligmann eindeutig den Intentionalisten zu zuordnen ist, das heisst er bemüht sich um die Rekonstruktion eines geradlinigen, im wesentlichen von politisch-ideologischen Triebkräften bestimmten Weges in den organisierten Massenmord. Eine Kontinuitätslinie wird gezogen, die von "Mein Kampf" über Hitlers Reden und Tischgesprächen bis nach Auschwitz führte. Die Vernichtung der Juden war die Verwirklichung des Programms eines Mannes mit absoluter Macht. Im Gegensatz dazu stehen die sogenannten Funktionalisten (zum Beispiel Martin Broszat, Hans Mommsen), die hingegen auf Brüche, Abweichungen und Alternativen verweisen. Für sie war die Endlösung das Ergebnis eines Prozesses der Verfolgung, der sich über jede Prognose hinaus verselbständigt hatte durch die Dynamik eines Systems, das nicht nur von Grund auf irrational war, sondern auch unfähig, etwas anderes zu tun als zu improvisieren und sich zu radikalisieren.
Auch wenn Seligmann in seinen zeitlich gegliederten Artikeln immer wieder auf sein eigentliche Intention eingeht, die Faszination Hitlers auf sein Volk darzulegen (hervorzuheben sind insbesondere die aus meiner Sicht gelungensten Kapitel über die Zeit von 1930 bis 1934), so fehlt doch eine intensivere Abhandlung (es hätte sich dazu vielleicht ein eigenes umfassendes Kapitel angeboten) über die Frage nach dem "Warum alle dem Führer so bedingungslos folgten?". Etwas störend empfinde ich die ständige versteckte und offene Kritik an den beiden Monumentalbiografien von Ian Kershaw (zum Beispiel Seite 64) und Joachim Fest über Hitler, da Seligmann meist nicht den Inhalt derer Aussagen kritisiert, sondern deren Sichtweise, die wie so oft natürlich unterschiedlich sein muss.
Wer jedoch nicht die Muse und die Zeit hat, sich durch die oben aufgeführten großen Hitlerbiografien zu wälzen (das Buch von Kershaw hat mehr als 2000 Seiten, das von Fest cirka 1200), dem bietet die Biografie von Seligmann insgesamt aber einen umfassenden und tiefen Einblick in das Leben und grausame Wirken von Adolf Hitler, auch wenn aus meiner Sicht die Absicht den Buches, die Faszination Hitlers auf sein Volk darzustellen, nicht im Mittelpunkt steht.
© 2004 Andreas Pickel, Harald Kloth
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