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Wilhelm Genazino

Der gedehnte Blick

Dieser Essay-Band des frisch gebackenen Büchnerpreisträgers unterscheidet sich nicht wesentlich von seinen letzten beiden Romanen Ein Regenschirm für diesen Tag und Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. Dem lange von der Öffentlichkeit vernachlässigten Autor gelingt es wiederum aus scheinbar alltäglichem und banalem das Unerhörte und Verblüffende herauszufiltern. Er registriert mit seiner unnachahmlichen Beobachtungsgabe scheinbar mühelos das kleinste Detail und bringt sie mit trefflichstem Wortwitz zu Papier.

Doch sind in diesem Buch nicht nur leise Töne zu vernehmen: er engagiert sich in dem besonders aufrüttelnden und ergreifenden Kapitel "Fühlen Sie sich alarmiert" äußerst vehement gegen Ausländerfeindlichkeit und führt die Politik mit stichhaltigen Beweisen ad absurdum.

Dieser Band enthält zudem eine unglaubliche Zahl von philosophischen Wortspielen und Metaphern: er macht sich Gedanken warum komische Bücher komisch sind, untersucht die literarische Erfolglosigkeit von Italo Svevo: "Der Schriftsteller braucht die Anerkennung der anderen, ohne diese anderen selbst anerkennen zu können" oder sinnt über das Photographieren im Allgemeinen nach.

Seine eigene literarische Arbeit hinterfragt er zudem äußerst selbstkritisch: "Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, ich habe schließlich den höchsten deutschen Literaturpreis verliehen bekommen."

In den Kapiteln über Claude Simon "Rezeptlosigkeit als Rezept", "Heimat, vorgespielt - Der Ort der Handlung in der Literatur" oder "Omnipotenz und Einfalt - Über das Scheitern" gleitet er vollends in die Philosophie ab - nicht leicht zu lesen, aber interessant erzählt.

Überhaupt ist dies kein Buch für den Strandurlaub oder für eine S-Bahn-Fahrt, dieses Buch verlangt einfach mehr, viel mehr: Ruhe, Zeit und eine intensive Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen. Nach jedem Essay hat man das Gefühl ein bisschen nachdenklicher geworden zu sein - und genau diese Intension verfolgt Wilhelm Genazino mit diesem Buch wahrscheinlich auch: schaut hin, hört zu, denkt nach, bildet Euch eine Meinung und unternehmt etwas!

Ausgezeichnet mit dem Georg-Büchner-Preis 2004.

Wolfgang Gonsch
4 ****


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© 2004 Wolfgang Gonsch, Harald Kloth
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